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Lot 731 Celan, Paul (das ist: Paul Antschel)
Der Sand aus den Urnen. Mit 1 (von 2) Original-Lithographie von Edgar Jené. Wien, A. Sexl, 1948. 61 S., 1 Bl. 22 x 14,5 cm. Original-Halbleinen mit rotgeprägtem Deckeltitel (Kanten schwach berieben, minimal aufgebogen).
Zuschlag 30000 €
Erste Ausgabe, mit dem Erstdruck der “Todesfuge” in deutscher Sprache. – Heuline 1-1. – Eins von 500 nummerierten Exemplaren, von denen jedoch nur sehr wenige erhalten sind, da Celan die Auflage schon bald nach dem Erscheinen vernichten ließ. – Vorsatz mit sechszeiliger eigenhändiger Widmung von Celan an “Friedrich Hagen, um diesen Lichtring der Stille in die Nähe seiner Hände zu legen”, signiert und datiert “Paul Celan Paris im Januar 1949″. – Der Gedichtband enthält 14 eigenhändige Korrekturen des Autors auf 13 Seiten (S. 11, 17-20, 27, 41, 43, 45, 46, 51, 52 und 55), die sich teils auf einfache Groß- und Kleinschreibungs- oder Umbruchfehler beziehen, aber auch Verbesserungen sinnentstellender Fehler vornehmen, wenn z.B. das “Eis von unterirdischer Röte” eigentlich “von unirdischer Röte” sein sollte (S. 19) oder die “Schlüssel” anstatt der “Schüssel mit schlummerndem Schrot” gereicht wird (S. 41). – Ausschlaggebend für Celans Entscheidung, die Erstausgabe seines ersten Gedichtbands umgehend aus dem “Verkehr” zu ziehen, war neben diesen Druckfehlern “von der entsetzlichsten Sorte” (Celan an Rychner, 24.11.48, in: Seng, 2001) und der schlechten Papierqualität vor allem die unauthorisierte Hinzufügung der beiden Lithographien von Edgar Jené. Bei allen bekannten Exemplaren (etwa 4-5), die er an Freunde verschenkte, hat Celan zumindest eine dieser Graphiken entfernt. So berichtet Brigitte Eisenreich, dass in ihrem Exemplar “die Seiten 43 bis 60 … herausgerissen” waren, “darunter eine der Lithographien von Edgar Jené, die er geschmacklos fand” (Celans Kreidestern, 2010). Celan hatte dem Künstler mit dem Essay “Edgard Jené und der Traum vom Traume” zwar kurz zuvor seine erste eigenständige Publikation in Wien gewidmet, ging jedoch nach seinem Umzug nach Paris zunehmend auf Distanz zu den Surrealisten. – Letztlich verzögerte Celan durch die Vernichtung der Auflage – bis dahin waren laut Abrechnung des Wiener Verlages ganze neun Exemplare verkauft worden – die Rezeption seiner Gedichte in der deutschsprachigen Literaturwelt um ganze vier Jahre. Erst im Rahmen der Goll-Affäre wies Celan vermehrt auf seine erste Publikation hin und verschenkte diese u.a. an seine Geliebte “als Beweis für die Eigenständigkeit seiner Dichtung”. – Das vorliegende Exemplar verschenkte Celan schon kurz nach seinem Umzug nach Paris an den bereits seit 1933 dort lebenden, bestens vernetzten Dichter und Übersetzer Friedrich Hagen (1903-1979), der ihn u.a. mit Hermann Lenz bekannt machte. Das Verhältnis der beiden sollte sich mit der Affäre um die von der Witwe seines Freundes Yvan Goll erhobenen Plagiatsvorwürfe abkühlen. – Vorsätze mit kleineren Leimspuren, papierbedingt etwas gebräunt.