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Lot 10 Förster-Nietzsche, Elisabeth
35 Schreiben. 29 Diktatbriefe von Sekretärinnenhand mit eigenhändiger Unterschrift, davon 26 mit eigenhändiger Grußformel, 7 mit zusätzlicher eigenhändiger Nachschrift, ferner 3 eigenhändige Briefe mit Unterschrift und 3 eigenhändige Postkarten (2 Vordrucke), davon 2 mit Unterschrift. Mit einer Ausnahme Weimar, 1908-1935. 112 S., die Briefe meist auf Doppelblättern mit gedrucktem Kopf des Nietzsche-Archivs (25) oder dem persönlichen der Schreiberin (6), ein langer Diktatbrief aus Breitbrunn ohne Kopf. Ca. 23 x 15 cm. Die adresssierten Briefumschläge zu 17 Schreiben erhalten.
Zuschlag 8500 €
Freundschaftliche Brieffolge an die heute vergessene, von Förster-Nietzsche aber hochgeschätzte Malerin Gertrud Overhof geb. Mögling (25) und ihren Gatten, den Theologen und Dichter Otto Overhof (9), eine der Postkarten an beide. Die Gegenbriefe sind im Nietzsche-Archiv Weimar erhalten (Signaturen GSA 72/BW 4008 und 4010). Danach setzte der Kontakt zwischen den beiden Frauen 1906 ein. Erstes hier erhaltenes Zeugnis ist eine eigenhändige Postkarte vom 16.09.1908 an Gertrud, deren Lebensdaten für uns nicht zu ermitteln sind. Förster-Nietzsche bedankt sich für “Ihre köstlichen Studien aus Röcken” (dem Geburtsort der Nietzsche-Geschwister) und sucht sich ein Blatt als Geschenk aus. Overhofs (verheiratet 1905) lebten seit 1906 in Berlin, Otto (Wanne-Eickel 1880-1957 Rom) nach Aufgabe des Pfarrerberufes als Lehrer und Schriftsteller (vgl. Brümmer und Kosch). Am 18.02.1911 hat Förster- Nietzsche Overhofs autobiographischen Erstling ‘Du und ich’ “mit wärmster Anteilnahme gelesen und mich ausgezeichneter Einzelheiten erfreut”. Overhofs Interesse an Rom wird erwähnt, er zählte dann zu den Gästen, die Kaiser Wilhelm II. in die ihm durch Ernst von Mendelssohn 1907 übereignete Villa Falconieri in Frascati einlud. – Am 08.02.1914 dankt ihm Förster-Nietzsche aus Breitbrunn “in meiner winterlichen Einsamkeit” für “Ihr, mir so sympathisches Buch … mit seinen zarten und feinen Gedanken und schönen Schilderungen mit Rührung … wenn ich auch daran auszusetzen hätte, daß diese wundervolle, hoch und feinsinnige Heldin nicht freiwillig aus dem Leben scheiden sollte” (wohl der Roman ‘Liebe um Liebe’, 1913). Ferner ausführlich zu einer Erinnerungstafel, die Overhof in einem angeblich von Nietzsche bewohnten Zimmer in Turin anbringen möchte. Sie rät angesichts der “fantastischen Italiener” ab: “In Ruta und Rapallo habe ich völligen Unsinn gehört und in Ruta ist eine Erinnerungstafel mit ganz falschen Daten – mein Bruder war im Herbst 1886 in Ruta gewesen und die Tafel spricht von zwei Aufenthalten im Jahr 1890-91 wo mein armer Bruder schon längst im Norden als Geistig-Gelähmter weilte … Haben Sie mit dem ehemaligen Wirt meines Bruders in Turin gesprochen? Von dem habe ich noch verhältnismäßig richtige Aussagen der ersten Zeit nach der Katastrophe”. – Otto Overhof scheint den ersten Weltkrieg an der Front verbracht zu haben, Gertrud lebt 1915-19 im Sanatorium Inner-Arosa, Tübingen und Herrenchiemsee. Eine Arbeit aus Graubünden ruft Förster-Nietzsche “alle die Stunden der Trauer und der Erinnerung zurück, die ich dort verlebt habe, und es tut mir wohl, daß gerade von der Hand einer so treuen Nietzsche Verehrerin dies Bild gemalt worden ist” (27.05.1915). Am 12.08.1919 beklagt Förster-Nietzsche, daß “Deutschland jetzt ein gar zu unglückliches Land (ist), in eine widerwärtige Barbarei zurückgesunken, mit elenden Lügnern u. Schwätzern in der uns führenden Regierung und mit dem Verlust aller deutschen Tugenden im Volk”. Ihr nächster Brief geht am 5.6.1920 an Overhofs neue Adresse: Villa Aldobrandini, Frascati. Anläßlich der “20. Wiederkehr des Todestages meines teuren Bruders … möchten wir nun gerne einige Stipendien austeilen, an solche Gelehrte und Künstler, die im Krieg gewesen sind, und dachten da auch an Ihren lieben Mann”. In einem beiliegenden eigenhändigen Schreiben teilt der Weimarer Oberbürgermeister und Stiftungsvorsitzende (Adalbert) Oehler am 2.8.1920 die Gewährung dieses Stipendiums in Höhe von 1500 Mark mit. – Förster- Nietzsche beklagt in den folgenden Briefen die Inflation, “gerade auch für Schriftsteller und Künstler ist es jetzt furchtbar schwer”, trägt jedoch eigenhändig im Rand nach: “Aber das Nietzsche-Archiv leidet noch keine Noth!”(9.12.1920). Am 7.12.1921 berichtet sie ausführlich von ihrem 75. Geburtstag, zu dem sie von der Universität Jena den Ehrendoktor erhielt. Im September 1922 geht “im Archiv alles trotz der entsetzlichen Gegenwart gut vorwärts, was ich als ein wahres Wunder betrachte. Das Interesse für die Werke meines Bruders ist außerordentlich und man kann nur vermuten, daß in dieser pöbelhaften Gegenwart es doch noch aristokratische Menschen gibt, die sich an seinen Werken stärken wollen”. Am 19.1.1924 sind durch die Inflation “das Vermögen der Stiftung und mein eigenes … verloren, aber die gegenwärtigen Honorar-Einnahmen erlauben uns doch noch das Archiv wie früher aufrecht zu erhalten”. Förster-Nietzsche trägt eigenhändig nach: des Bruders “Bücher werden außerordentlich viel gelesen u. zwar auf der ganzen Welt: Z.B. sind seine Werke u. der ,Junge u. ,Einsame Nietzsche’ in’s Japanische übersetzt”. – Von August 1924 bis Sommer 1928 sind die Briefe wieder an die Villa Falconieri in Frascati adressiert, inzwischen italienischer Staatsbesitz. An Otto Overhof, 29.10.1924: “Wenn man aber an das alte ordentlich eingerichtete, zuverlässige Deutschland denkt, so ergreift uns doch immer wieder der Zorn, daß uns von dem jetzigen Staat so viel geraubt worden ist wie er nur konnte!”. Zum 30jährigen Jubiläum der Stiftung habe (Oswald) Spengler “wundervoll gesprochen “. – Ihren 80. Geburtstag (Dankeskarte erhalten) nimmt sie zum Anlass, ausführlich die verlorene Vermögensstruktur des Archivs und ihre gegenwärtigen Einkünfte zu schildern, außerdem sei Max Oehler auf die Idee gekommen, eine “Gesellschaft der Freunde des Nietzsche-Archivs” zu gründen (stark beschädigter Typoskript-Entwurf der Statuten liegt bei). Am 19.2.1927 nach einem Besuch von Otto Overhof in Doorn und Weimar: “Durch die Eindrücke, die Ihr Herr Gemahl in Deutschland gewonnen hatte, kam es mir erst zu Bewußtsein, wie schmerzlich es jetzt in Deutschland, dem ‘Land der Treue’ steht. Diese Gleichgültigkeit den Hohenzollern, unserm anzukommenden Herrscherhaus gegenüber, ist wirklich unbeschreiblich traurig und für uns ein übles Zeugnis … Die Proben, die ich aus ,Baldur’s Tod’ (Overhofs ,Baldur. Ein Trauerspiel aus Mythus und Gegenwart’, 1927) gehört habe, mit der Schilderung der farbenprächtigen Szenerie waren mir in dem Gedanken so erfreulich, daß die vielen germanischen Jugendbünde, die wir jetzt in Deutschland haben, davon begeistert sein müßten”. – Nachschrift, 23.2.: “Und unter der Herrschaft von Mussolini … täglich zu hören und zu sehen, was dieser ausgezeichnete Mann fertig bringt und wie er ganz natürlich von sich aus Nietzsche-Gedanken verwirklicht, das ist vollkommen beneidenswert”. Das Nietzsche-Archiv sei “ein Mittelpunkt für die ganze Welt geworden … außerdem ist das Nietzsche-Archiv jetzt auch eine Art Mittelpunkt für Völkerversöhnung, wozu es sich nach den Ansichten meines Bruders vorzüglich eignet”. – Ab 1928 leben Overhofs in Rom. Förster-N. am 8.5.1930: “In letzter Zeit (sind) allerhand Bemerkungen zu mir gedrungen, als ob doch noch im Volke die tiefe Sehnsucht nach Kaiser und Reich … vorhanden sein soll. Es gibt jetzt eine neue sehr rührige Partei, die sich ,Nationalsozialisten’ nennen und diese Partei soll es sein, die wieder an die alten deutschen Ideale anknüpft”. Aus den Jahren 1931-34 liegen keine Briefe vor, der letzte datiert vom 9.8.1935, drei Monate vor Förster-Nietzsches Tod. Sie regt Wiederaufnahme des Austausches an, berichtet von ihrem Augenleiden und sendet die Neuerscheinung “Friedrich Nietzsche und die Frauen seiner Zeit”. – Beigegeben: Otto Overhof. Eh. Testament mit Unterschrift sowie eh. Nachschrift seiner Frau mit Nietzsche. Tübingen, 17.6.1912. 3 S. auf Doppelblatt, auf der letzten Seite die notarielle Bestätigung. 33 x 21 cm. – Briefumschläge vielfach eingerissen und mit Ausschnitt der Marken. Vereinzelt Faltbrüche, insgesamt wohlerhalten.