Lot 20 / Auktion 31

Moissi, Alexander

Lot 20 / Auktion 31

Moissi, Alexander

Moissi, Alexander. 73 eigenhändige Briefe mit Unterschrift (Alexander, Alessandro, Dasandro oder nur A.) sowie 5 eigenhändige Postkarten. Italien, Deutschland, Schweiz und Österreich, verschiedene Orte, September 1931-März 1935. Etwa 160 S., meist in Füllfeder. Briefe 18 x 14,5 cm bis 29 x 23 cm. Vielfach auf Hotelpapier. - Mit beigelegten Original-Photographien (s. unten).
Sämtlich an seine letzte große Liebe, die dänische Tänzerin und Schauspielerin Sonja Wiberg. Moissi und Wiberg lernten sich 1931 in Salzburg kennen, er war 51 Jahre alt, sie 19 und von Max Reinhardt für den "Jedermann" engagiert, in dem Moissi wie bei der Uraufführung 1911 die Hauptrolle spielte. Die Beziehung wurde diskret in den Hotelunterkünften des rastlos reisenden Bühnenhelden und Erotomanen gelebt, sie bestand bis zu Moissis plötzlichem Tod am 22.III.1935. Seine Briefe an die Geliebte sind undatiert und nur mit den Wochentagen, vereinzelt mit späteren Datierungen in Bleistift versehen. Moissi drückt seine Sehnsucht aus, berichtet teils kurz, teils ausführlich von Tagesereignissen, Engagements und Reiseterminen, gelegentlich von seinen nächtlichen Träumen, er kommentiert die politische Lage und ihre Auswirkungen auf sein und Wibergs Leben. - Textbeilagen: Ausgedruckte Gesamttranskription mit Datierungsversuchen; vorgedruckte Einladungskarte von Max Reinhardt für Wiberg nach Schloss Leopoldskron bei Salzburg; eigenhändige Bestätigung von Moissi mit voller Unterschrift über Wibergs Mitgliedschaft in seiner "Schauspielgesellschaft" (1934); 2 maschinenschriftliche Briefe an Wiberg (Engagement in Prag, Übersendung eines Schecks von Moissi); 2 nicht zugehörige Postkarten. - Photo-Porträts Moissi: Große Aufnahme (22,5 x 16,5 cm) kurz vor dem Tod, auf dem Untersatzkarton bezeichnet "Engberg Foto Paris 35"; Rollenphoto 16,5 x 11,5 cm; 8 Postkarten (1 bildseitig 1903 gewidmet und signiert, gelaufen; 1 rückseitig später bezeichnet "Jedermann Tischgesellschaft 1931 Salzburg Domplatz" mit Moissi und Wiberg); Mäppchen mit 16 gesteckten Aufnahmen meist 11 x 8 cm (Moissi ca. 1934, mit Mutter und anderen, Villa in Mödling, Wiberg, 3 kleine Bühnenbilder "Jedermann"). - Photo-Porträts Wiberg: 4 großformatige zeitgenössische Aufnahmen, davon 2 Rollenbilder. 23,5 x 17,5 cm bis 30 x 23,5 cm, alle mit Atelier- oder Photographenbezeichnungen, 2 auf Karton montiert. - Erhaltung: Faltspuren, gelegentlich Randeinrisse, wenige Briefe stärker beschädigt, Ecken der Photos teils bestoßen, Kartons gebräunt, einer mit Eckbruch. - Textauszüge: Bad Teplitz/Schönau, November/Dezember 1931: "Ich kann meinen Durchfall in Berlin (wohl von der "Gefangene" auf der Berliner Volksbühne) gar nicht begreifen, ein böser Traum und dann glaube ich, daß es sich um einen vorbedachten Mord handelt und nicht um Kritik. Du sollst nicht und niemandem meine Briefe zeigen." - Berlin, Januar 1933: "Liebling, nur wenige Worte, das Erste: ich hab' Dich lieb! - Ich kam an u. fand Berlin illuminiert: der Reichstag brannte lichterloh ... nicht recht gemütlich u. ich fürchte, daß es blos ein Vorspiel ist." - Mantua, Juni 1934: "Mein süßer Liebling, versteht sich, daß ich ohne Nachricht von meinem Mädchen bin, ich habe es erwartet, denn es ist nicht leicht zigeunernde Menschen zu erreichen. Ich hoffe immerhin, in Bologna etwas vorzufinden ... Auch wird die nächste Zeit irgendwie totgeschlagen, bis ich wieder mein Mädchen sehe u. dann führe ich's aufs hohe Meer nach dem Norden, wo es kühl ist und nicht so schrecklich lärmend wie im schönen Italien." - Bologna, Juni 1934?: Ein schwedischer Diplomat warnt davor, der Krieg könne demnächst ausbrechen. "Aber ich glaube nicht, daß es jetzt dazu kommt, im Gegenteil hoffe ich, daß wir unsere Seereise ohne Störung u. glücklich machen werden. - Süsses, Du sollst nicht immerfort um 4 Uhr morgens schlafen gehen ... Du bist ein ausnehmend gutes Mädel, aber Du glaubst z.B. gar gern an ital. Professoren, die auf der Straasse herumkucken u. Dich malen wollen - Sei vorsichtig u. ein bischen stolz u. sehr unnahbar.". - Bissone 1934: "Liebling, heute Nacht habe ich von Dir geträumt. Es muß Karlsbad gewesen sein, nachts, ich öffnete Deine Thür, Du stelltest Dich schlafend u. schimpftest schrecklich, daß ich Dich stören komme - schließlich ging ich stumm in mein Zimmer ... Ich fürchte für die Zukunft, besonders für Dich. Wo sollst Du Deinen Arbeitsdrang befriedigen? Wien dürfte wohl kaum mehr ernsthaft in Betracht kommen - von Deutschland gar nicht zu reden. Für ein Provinzengagement in der Schweiz od. Tschechei kommst Du wohl nicht (in) Betracht - was solltest Du dort? . Das Jahr 34/35 wird das bisher schwerste sein, wenn kein Wunder geschieht." - Bissone, 9. August 1934: "Liebling, glaubst Du, daß mich die Gutsbesitzerin Sonja lieb hat? So wie die kleine Sonja, die ich in Salzburg sah? ... Oder hast Du noch den Wunsch, mich zu sehen? Ich kenne mich nicht mehr aus u. habe das Gefühl, mich Dir aufzudrängen u. Du weißt, wie wenig es in meiner Natur liegt, auf- und zudringlich zu erscheinen." - Bissone, wohl Ende August 1934: Er hat als der vermeintliche "Jude Moissi" das gesamte deutsche Tätigkeitsgebiet verloren und sorgt sich weiterhin um Wibergs Zukunft. "Österreich nimmt das italienisch-faschistische System an, der Idiot Starhemberg hat bereits seine Gewaltigen in Wien, um die Geheimpolizei und die sonstigen Segnungen zu studieren. Es wird schwer, nicht leichter und dann am Ende - ein sehr nahes Ende - steht der Krieg, der aller Wahrscheinlichkeit nach kaum länger als ein Jahr uns warten lässt. Deshalb wäre es für Dich so gut, Dir für diesen schwersten Fall in Dänemark eine kleine Basis zu schaffen od. Norwegen od. Schweden. Und wird der Krieg mich nicht auch in diese Gegenden treiben? Ich glaube es." - Februar/März 1935: Süsser Liebling, daß Du mir im großen Paris nicht verloren gehst - gefährlich! So viel Leute, Autos, Räuber, Verrückte Emigranten - gefährlich! Ich kann Dir nichts sagen von mir als: 1. & 2. u. 3. u. 1000stens: ich hab' Dich lieb, aber dann immer das Gleiche: schlechtester Schlaf (fast gar nicht mehr), viel Arbeit, keine Freude ...".

Dieses Los ist differenzbesteuert. Auf den Zuschlagspreis fallen 30% Aufgeld an. Die Mehrwertsteuer ist enthalten aber nicht ausweisbar nach §25a UstG.